Galenik: Mehr als nur Pillendrehen!
In den letzten Jahrzehnten wurde eine Vielzahl neuer technologischer Möglichkeiten entwickelt, um die Wirkung von Arzneimitteln positiv zu beeinflussen. Denn neben Wirkstoff und Dosis hat auch die Arzneiformulierung entscheidenden Einfluss auf den therapeutischen Effekt. Eine fundierte Beratung zu neuen Systemen beugt Anwendungsfehlern von Apothekenkunden vor.
Die Galenik oder pharmazeutische Technologie ist die Lehre von den Arzneiformen. Sie beschäftigt sich mit der Verarbeitung eines Wirkstoffs in eine gebrauchsfertige Arzneimittelzubereitung und deren technischer Prüfung. Wichtigstes Ziel der Galenik ist es, die Arzneimittelwirkung durch die Arzneiform positiv zu beeinflussen. Äußerlich und im Wirkstoffgehalt völlig übereinstimmende Präparate können durch verschiedene Galeniken unterschiedliche Effekte im Körper hervorrufen.
In der Geschichte der Pharmazie wurde die galenische Forschung lange Zeit durch Laboratorien in Apotheken vorangetrieben. Mit der Auslagerung der Arzneimittelherstellung in pharmazeutische Unternehmen hat die Bedeutung der Arzneimittelherstellung im Apothekenalltag stark abgenommen. Moderne Verfahrenstechniken haben die Herstellung einer Vielzahl innovativer galenischer Prinzipien ermöglicht, die die Arzneimittelsicherheit und die Compliance (Einnahmedisziplin) der Patienten deutlich verbessern konnten.
Wirk- und Hilfsstoffe
Die Bestandteile eines Arzneimittels werden grob in Wirkund Hilfsstoffe unterteilt. Hilfsstoffe entfalten keine eigenen pharmakologischen Wirkungen. Sie sind nötig, um arzneilich wirksame Bestandteile in eine zweckmäßige und sicher applizierbare Zubereitungsform zu bringen. Zudem sind Hilfsstoffe für die Freigabe von Wirkstoffen und die Haltbarkeit von Arzneimitteln wichtig. Sind sie in großen Mengen in der Arzneiform enthalten, werden sie als Grundstoffe oder Grundlagen bezeichnet.
In einigen Fällen ist eine exakte Abgrenzung zwischen Wirk- und Hilfsstoffen schwierig. So können zahlreiche Substanzen je nach Anwendungszweck, Dosierung und Applikationsweg entweder Hilfsstoff- oder Arzneistofffunktion erfüllen. Benzalkoniumchlorid wirkt etwa in hohen Dosen als Lokalantiseptikum, während es niedrig dosiert ein Konservierungsmittel ist.
Flüssige, halbfeste, feste oder therapeutische „Verkleidungen“
Arzneimittel kommen in unterschiedlichen Darreichungsformen vor. Dabei werden vier grundlegende Formen unterschieden: flüssig, halbfest, fest sowie die therapeutischen Systeme. Zu den flüssigen Darreichungen zählen Lösungen, Emulsionen (zwei oder mehrere nicht mischbare Flüssigkeiten) und Suspensionen (fein verteilte Feststoffpartikel in einer Flüssigkeit). Bei Emulsionen und Suspensionen verändert sich die Verteilung der Wirkstoffpartikel bei der Lagerung. Daher sollte die PTA Kunden bei der Abgabe dieser Arzneiformen darauf hinweisen, die Flaschen vor der Anwendung zu schütteln. Auch Injektions- und Infusionszubereitungen sind beispielsweise flüssige Darreichungsformen.
Halbfeste Zubereitungen werden auf die Haut oder auf die Schleimhäute aufgetragen, wo sie der lokalen Therapie dienen. Hier ist der Wirkstoff in eine halbfeste (plastisch verformbare) Grundlage eingebettet. Während Salben eine einphasige Grundlage haben, werden nach Arzneibuch unter Cremes mehrphasige halbfeste Systeme verstanden. Cremes enthalten sowohl eine fettige (lipophile) als auch eine wässrige (hydrophile) Phase. Auch Gele, Pasten und Zäpfchen zählen zu den halbfesten Zubereitungen.
Zu den festen Darreichungsformen gehören Tabletten, Dragees, Kapseln, Implantate, Granulate und Pulver. In jüngerer Vergangenheit hat die Anzahl an Retardarzneiformen deutlich zugenommen. Die verzögerte Wirkstofffreigabe über einen längeren Zeitraum (z. B. einen Tag) reduziert Plasmakonzentrationsspitzen kurz nach der Einnahme und senkt damit die Nebenwirkungsrate. Zudem erhöht sie die Einnahmedisziplin: Der Patient muss an eine deutlich geringere Anzahl von Einzeldosen denken. Da Untersuchungen immer wieder belegen, dass ein erschreckend großer Teil der Patienten bei der Einnahme von Medikamenten unzuverlässig ist, darf dieser Vorteil nicht unterschätzt werden.
Therapeutische Systeme (TS) sind Arzneimittel, die durch eine ausgefeilte Galenik die fein regulierte Abgabe des Wirkstoffes ermöglichen. Damit sind die therapeutischen Systeme anderen Retardformen überlegen, deren Wirkstofffreisetzung zwar verzögert stattfindet, mit der Zeit aber nachlässt.
Verteilung des Wirkstoffs im Organismus
Die galenische Verarbeitung eines Wirkstoffs hat entscheidenden Einfluss darauf, wie schnell und in welcher Dosis sich dieser im Körper verteilt. Intravasal (in die Gefäße) verabreichte Wirkstoffe gelangen unmittelbar in die Blutbahn, so dass sie sehr schnell systemische Wirkungen entfalten. Bei der oralen Applikation müssen dagegen Magen und Darmwand passiert werden. Anschließend gelangt der Wirkstoff über die Portalvene in die Leber, wo er bereits zu einem gewissen Anteil im „First-pass-Effekt“ verstoffwechselt wird.
Auch Nahrungsmittel haben Einfluss auf die Wirkstoffaufnahme aus peroralen Arzneiformen. Beispielsweise verzögert eine fettreiche Nahrung die Magenmotilität; dadurch gelangen Wirkstoffe „später“ in den Darm: Die Resorption verzögert sich. Andere Applikationsorte (wie Haut, Auge, Nase und Lunge) ermöglichen eine lokale und damit nebenwirkungsärmere Medikamentengabe.
Neben der Applikation beeinflussen auch die in der Arzneiform enthaltenen Hilfsstoffe Geschwindigkeit und Ausmaß, mit denen der Wirkstoff an den Ort der Wirkung gelangt (Bioverfügbarkeit). So kam es beispielsweise 1968 bei Phenytoin-Tabletten, bei denen der Hilfsstoff Calciumsulfat durch Milchzucker ersetzt worden war, zu schweren Zwischenfällen mit toxischen Überdosierungssymptomen. Das schwer lösliche Calciumsulfat verlangsamte die Wirkstoffaufnahme, während der Milchzucker diese beschleunigte.
Da Generika die gleichen Wirkstoffe wie das Original enthalten, sich aber in der Zusammensetzung der Hilfsstoffe unterscheiden, kann es bei wirkstoffgleichen Präparaten zu Bioverfügbarkeitsunterschieden kommen. Daher muss bei der Zulassung von Generika die Bioverfügbarkeit untersucht werden. Ein Generikum darf nicht weniger als 80 Prozent und nicht mehr als 125 Prozent der Bioverfügbarkeit des Originals aufweisen, dann sind die Bedingungen zur Austauschbarkeit erfüllt. In der Praxis liegen die Werte in der Regel unter fünf Prozent.
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Jana Marent
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 02/2012 auf Seite 22 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
