Husten: Ein Reflex räumt auf

Husten ist beim gesunden Menschen ein erwünschter Reflex, den der Organismus zur Selbstreinigung, als Schutz und als Warnsystem benötigt. Darüber hinaus ist er das gemeinsame Symptom verschiedener Krankheiten. Wie Husten entsteht, seine verschiedenen Formen, wann er therapiebedürftig ist und welche Arzneimittel in der Selbstmedikation zum Einsatz kommen, zeigt unsere zertifizierte Fortbildung im Januar.

© Christian Harberts / photos.com

Hustet ein Mensch, sind daran drei Komponenten beteiligt. Die der Empfindung dienenden, sensorischen Nerven in der Schleimhaut der Atemwege (Hustenrezeptoren), das Hustenzentrum im Gehirn sowie die zur Atemmuskulatur führenden motorischen Nerven. Dabei können eingeatmete Partikel oder Schleimauflagerungen an den Nervenendigungen der Schleimhaut von Rachen, Kehlkopf, Luftröhre, Bronchien und Nase mechanisch eine Erregung auslösen.

Kalte Luft wiederum wirkt als thermischer Reiz. Oder es werden chemische Reize, wie sie durch die bei Entzündungen freiwerdenden Boten- und Überträgerstoffe (etwa Prostaglandine und Histamin) entstehen, über die Hustenrezeptoren vermittelt. Der Reiz gelangt dann jeweils über afferente Fasern zum Hustenzentrum in der Medulla oblongata. Hier erfolgt die Entscheidung: Husten oder nicht. Über efferente Nerven werden bei einem „Ja“ die Nervenimpulse zurück an Atemmuskulatur und Kehlkopf geschickt (s. Abb. S. 28).

Freiwerdende Kräfte sind immens
In den Atemwegen läuft die Hustenattacke mit ungeheurer Kraft ab. Die Atemmuskulatur zieht sich zusammen. Der Kehlkopf bleibt zunächst geschlossen, der Druck nimmt zu. Auf dem Höhepunkt seines Anstieges öffnet sich der Kehlkopf, und die Luft entweicht mit einem explosionsartigen Hustenstoß. Dabei werden kurzfristig Strömungsgeschwindigkeiten bis zu 250 m/s erreicht. Das entspricht einer Geschwindigkeit von 900 km/h, also fast der Schallgeschwindigkeit.

Durch den schnellen Luftstrom werden in den Atemwegen starke Kräfte frei, die den Schleim samt den anhaftenden Partikeln von der Wand losreißen und herausschleudern. Unterstützt wird die Ablösung des Schleims durch Vibrationen der Atemwegswand, die während des Hustenstoßes mit einer Frequenz von 100 bis 400 Hz auftreten. Der Nachteil dieser kräftigen Hustenstöße: Dabei wird auch der Schutzfilm der Bronchialschleimhaut teilweise aufgerissen, was nicht nur Erregern Angriffsflächen bietet. Auf Dauer werden die Bronchien in Mitleidenschaft gezogen. Das macht deutlich, wie sinnvoll der Einsatz von Antitussiva ist.

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Wann sind Expektoranzien nötig?
Die bronchiale Reinigung, die mukoziliäre Clearance, erfolgt normalerweise in einem gut abgestimmten Zusammenspiel zwischen Flimmerepithelzellen und strukturiertem Atemwegssekret. Die rhythmisch kreisenden Bewegungen der Zilien des Flimmerepithels bewirken wie auf einem Förderband einen kontinuierlichen Abtransport des aufliegenden Sekrets in Richtung Rachen mit allem, was an ihm haftet, etwa Partikeln, die in die Atemwege eingedrungen sind: ein Transport nach oben und entgegen der Schwerkraft!

Dieser Transportmechanismus ist bei Erkältungen oft empfindlich gestört – meist durch zu viel und zu dickflüssigen Schleim. In diesem Stadium kommen Expektoranzien zum Einsatz. Sie fördern das Verflüssigen des zähen Sekrets und tragen dazu bei, dass es aus den Atemwegen entfernt werden kann. Das gelingt über verschiedene Mechanismen: Sekretolytika regen die Produktion dünnflüssigen Sekrets an, und Mukolytika verändern die Schleimkonsistenz selbst. Sekretomotorika erhöhen die Schlagfrequenz der in der Atemwegsschleimhaut befindlichen Flimmerhärchen (Zilien), die entscheidend am Schleimtransport beteiligt sind. Die meisten Expektoranzien vereinen mehrere Wirkansätze in sich.

Ätherische Öle Zu den pflanzlichen Expektoranzien zählen Bestandteile ätherischer Öldrogen (Cineol, Myrtol) genauso wie komplette ätherische Öle wie Anis-, Fenchel-, Kiefernnadel-, Eukalyptus-, Thymian- oder Pfefferminzöl. Sie werden oral, zur Inhalation oder äußerlich als Balsam angewendet. Durch einen direkten Angriff auf die schleimproduzierenden Zellen oder durch eine reflektorische Sekretionssteigerung über die Magennerven verflüssigen sie den Schleim. Dabei ist zu beachten, dass besonders Kleinkinder unter zwei Jahren vor allem auf enthaltenes Menthol und Campher reagieren. Es besteht dann Erstickungsgefahr durch eine reaktive Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur (Kratschmer-Reflex).

Saponine Ebenfalls sekretolytisch wirken Extrakte aus Saponin-Drogen wie Efeublätter, Primelwurzel, Spitzwegerichkraut oder Süßholzwurzel. Efeu gehört zu einer der am besten untersuchten Arzneipflanzen schlechthin. Vor acht Jahren gelang es einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Hanns Häberlein an der Universität Bonn, den Wirkmechanismus auf lokaler Ebene zu entschlüsseln. Das vor allem in den Blättern enthaltene Saponin alpha-Hederin dockt gleichermaßen an den Lungenbläschen wie auch an den Zellen der Bronchialmuskulatur an. An den Lungenbläschen fördert es die Produktion körpereigener Substanzen (Surfactant), die zähen Schleim verflüssigen. Gleichzeitig erweitert es die Bronchialmuskulatur und erleichtert somit das Abhusten.

Chemisch definierte Mukolytika wie Bromhexin, sein Metabolit Ambroxol, Guaifenesin und N-Acetylcystein erleichtern hingegen das Abhusten, indem sie die Zähflüssigkeit des bestehenden Schleims durch eine chemische Veränderung herabsetzen. Gut untersucht ist dabei vor allem der komplexe Wirkmechanismus von Ambroxol (z. B. in Mucosolvan®). Der Wirkstoff normalisiert krankhaft verändertes Sekret über drei Mechanismen: Stimulation der Zellen, die die Solphase des Bronchialsekrets produzieren, Bereitstellung von Surfactant und Erhöhung der Zilienschlagkraft.

Ruth Ney und Julia Pflegel

Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 01/2012 auf Seite 26 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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