Zertifizierte Fortbildung: Der Wirkstoff Retigabin

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Kindesalters und die häufigste neurologische Erkrankung generell. Insgesamt treten wiederkehrende, epileptische Anfälle bei 0,5 bis einem Prozent der Allgemeinbevölkerung auf. Das entspricht der Häufigkeit eines insulinpflichtigen Diabetes mellitus. Durch eine geeignete medikamentöse Behandlung und angepasste Lebensführung bleiben die meisten dauerhaft anfallfrei, ein Ziel, das sich mitunter nur mit mehreren Wirkstoffen erreichen lässt.

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Historie: Arzneimittel, die mit den Kaliumkanälen des menschlichen Organismus interagieren, finden weiten therapeutischen Einsatz. So greifen Sulfonylharnstoffe in der Diabetestherapie an den ATP-abhängigen Kaliumkanälen der β-Zellen an und fördern dadurch die Freisetzung von endogenem Insulin. Ein anderer Kaliumkanal-Blocker ist Amifampridin, welcher in der Therapie der Muskelschwäche beim myasthenischen Lambert-Eaton-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung des Nervensystems, eingesetzt wird.

Das Analgetikum Flupirtin hemmt die Schmerzweiterleitung durch eine selektive Öffnung einwärts gerichteter Kaliumkanäle. Außerdem wurde Flupirtin eine gewisse antiepileptische Potenz nachgewiesen, die dazu führte, dass nach weiteren Arzneistoffen auf Grundlage dieser Leitstruktur mit dem Ziel der Entwicklung eines neuen Antiepileptikums geforscht wurde. Anfang der 90er-Jahre entstand der neue Arzneistoff Retigabin, der sich nach umfangreichen klinischen Untersuchungen als potentes Antiepileptikum mit geringerer analgetischer Wirkung herausstellte. Im Mai 2011 erhielt dieser Arzneistoff unter dem Namen Trobalt® die Zulassung für die „Zusatztherapie für fokale Krampfanfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Erwachsenen mit Epilepsie im Alter von 18 Jahren und darüber“.

Medizinische Chemie

Retigabin ist aufgrund seiner Historie chemisch nah mit dem Schmerzmittel Flupirtin verwandt. Der Pyridinring im Flupirtin wurde durch einen Benzenring ersetzt. Im Retigabin sind daher nur zwei Aminstrukturen enthalten, wovon eine den Benzenring mit einem p-Fluorbenzylrest verbindet und der zweite Teil eine Urethanpartialstruktur darstellt. Zwischen den beiden Wirkstoffen Retigabin und Flupirtin liegt Bioisosterie vor.

Wirkmechanismus
Elektronenkanäle spielen eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Epilepsie, aber auch von Schmerzen. Hier sind es vor allem die spannungsabhängigen Kaliumkanäle, die an der Erregung und Reizweiterleitung neuronaler Zellen beteiligt sind. Retigabin greift selektiv an den neuronalen Kaliumkanälen Kv7.2 und Kv7.3 an. Es kommt zu einer Öffnung der Kaliumkanäle, was zu einer Stabilisierung des Ruhemembranpotenzials führt. Die Erregbarkeit der Neuronen wird dadurch reduziert, die Auslösung von Krampfanfällen verhindert.

Erst in höheren Konzentrationen wurden auch Interaktionen mit anderen Rezeptoren, beispielsweise GABA- oder NMDA-Rezeptoren, sowie eine Blockade von Natrium- und Calciumkanälen nachgewiesen. Diese spielen bei der antiepileptischen Wirkung allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Diese Erkenntnis beruht auf der Tatsache, dass selektive Kv7-Kanalblocker die Wirkung von Retigabin komplett aufheben können.

Apothekerin Sophie Lochner | sophie.lochner@mailbox.tu-dresden.de

Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 02/2012 auf Seite 48 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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