Zertifizierte Fortbildung: Der Wirkstoff Tapentadol
Eine Schmerztherapie, vor allem bei chronischem Verlauf, stellt Ärzte vor verschiedene Herausforderungen: Das geeignete Medikament muss gefunden und die richtige Dosierung sowie mitunter die optimale Kombination verschiedener Substanzen bestimmt werden. Mit Tapentadol wird die Palette der Opioide seit Oktober 2010 um eine neue Substanz erweitert.
Historie: Unter dem Begriff Opioide fasst man eine Vielzahl natürlicher oder synthetischer Substanzen zusammen, die eine morphinähnliche Wirkung besitzen und an Opioidrezeptoren angreifen. Vor allem durch die historische Anwendung von Schlafmohn sind die verschiedenen Wirkungen dieser Substanzen wie Sedierung, Rausch und Schmerzlinderung schon sehr lange bekannt. Vor über 200 Jahren wurde Morphin erstmals von dem Apotheker Friedrich Sertürner (1783 bis 1841) aus Schlafmohn isoliert. Mit dieser Entdeckung stand Morphin als Analgetikum mit exakter Dosiermöglichkeit zur Verfügung und revolutionierte die Schmerztherapie. Heute sind eine Vielzahl an Opioiden verfügbar, die entsprechend des WHO-Stufenschemas der Schmerztherapie eingesetzt werden und teilweise dem Betäubungsmittelgesetz unterstehen.
Seit 2010 ist in Deutschland mit Tapentadol (Fertigarzneimittelname Palexia®) eine neue vollsynthetische Substanz mit Wirkung am μ-Opioidrezeptor verfügbar. Darüber hinaus agiert Tapentadol als Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Ähnlich wie bei vielen synthetischen Opioiden ist auch bei Tapentadol (Abb. 1) die strukturelle Verwandtschaft zu Morphin kaum noch erkennbar.
Der chemische Aufbau ist dem des Tramadols (Abb. 2) sehr ähnlich. Statt der Cyclohexan-Grundstruktur weist es ein offenkettiges Grundgerüst auf. Außerdem ist es nicht wie Tramadol als Racemat erhältlich, sondern als (-)-Enantiomer verfügbar.
Wirkmechanismus
Akuter Schmerz bei einem gesunden Menschen ist ein Warnhinweis des Körpers auf eine schon vorhandene oder potenzielle Gewebsschädigung. Schmerzarten kann man nach verschiedenen Kriterien unterteilen, z. B. nach der Genese (neuropathischer Schmerz) oder nach der Dauer des Schmerzes (akut oder chronisch). Freie Nervenendigungen schnell oder langsam leitender Nervenfasern werden von Reizen verschiedenster Art, beispielsweise chemisch oder thermisch, aktiviert. Die entstandenen Aktionspotenziale werden über die nozizeptiven Nervenfasern zum Hinterhorn des Rückenmarks weitergeleitet. Dort werden diese elektrischen Signale in chemische umgewandelt, indem Neurotransmitter wie Substanz P oder Glutamat ausgeschüttet werden. So wird eine Kaskade ausgelöst, die zu motorischen und vegetativen Reaktionen und Reflexen führt.
Die Wahrnehmung des Schmerzes als solchem findet aber erst nach neuronaler Weiterleitung des Schmerzes ins Gehirn statt. In verschiedenen Hirnregionen wird der Reiz verarbeitet und bewertet. Dies erklärt, dass zuerst körperliche Reaktionen auf einen Schmerz auftreten (z. B. Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte) und danach der Schmerz bewusst gefühlt wird.
Ebenfalls vom Hinterhorn des Rückenmarks ausgehend sind die endogenen absteigenden schmerzhemmenden Bahnsysteme. Hier spielen unter anderem Noradrenalin sowie das endogene Opioidsystem eine wichtige Rolle. Eine Erhöhung der Konzentration von Noradrenalin im synaptischen Spalt vermindert den Zustrom nozizeptiver Erregungen und aktiviert so die deszendierende Inhibition. Dies wird unter anderem über eine Stimulation von α2-Rezeptoren im Hinterhorn vermittelt, die die Ausschüttung von Substanz P und Glutamat vermindern.
Auch eine Aktivierung der μ-Opioidrezeptoren führt zu einer Antinozizeption. Der duale Wirkmechanismus von Tapentadol setzt hier an: Es wirkt agonistisch am μ-Opioidrezeptor (MOR) und hemmt zusätzlich die Wiederaufnahme von Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt (NRI). Die Substanzklasse wird daher MOR-NRI genannt. Ähnliche Effekte sind von Tramadol bekannt. Es werden darüber hinaus geringe anticholinerge und 5-HT3-antagonistische Wirkungen sowie eine schwache Serotonin-Wiederaufnahmehemmung des Tapentadols diskutiert, die ebenfalls inhibierend auf die Nozizeption wirken könnten.
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Sophie Lochner | sophie.lochner@mailbox.tu-dresden.de
Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 05/2011 auf Seite 48 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
